Georgische Gastfreundschaft

Die Einreise nach Georgien war Mitte Juli 2021 ein kleiner Kulturschock. Wir sind zwar nur zwei Wochen in der Türkei gewesen, doch trotzdem war es merkwürdig auf einmal wieder freizügig gekleidete Strandtouristen zu sehen und überall Bier bestellen zu können. Gut für uns! Und: Genau diese Kontraste machen den Reiz des Reisens aus. Nach der Grenzkontrolle fuhren wir ziemlich direkt nach Batumi, um die üblichen organisatorischen Notwendigkeiten zu erledigen – was primär bedeutete, Bargeld in der Landeswährung abzuheben und auf Internetsuche zu gehen (was sich ohne Internet gar nicht so einfach gestaltete). Nach einigem Hin und Her sind wir dann an eine günstige SIM Karte gekommen und haben unseren finalen Stellplatz in einer Wohngegend gefunden, wo wir auch unser erstes georgisches Restaurant besuchten, das in den folgenden Tagen unser Stammlokal wurde. Wir machten uns kurz darauf den guten Vorsatz, dass wir mal eine Woche lang kein Fleisch und kein Brot essen würden. Dies in Georgien umzusetzen war jedoch schwieriger als erwartet (um nicht zu sagen unmöglich) und so gaben wir diese Regelung am dritten oder vierten Tag bereits wieder auf. Gearbeitet wurde bei der Hitze in einem klimatisierten Coworking-Space. In Batumi ließen wir außerdem Marcos Fahrrad reparieren, gingen mit Marcos Fußproblem zu einem russischen Arzt (Zitat am Ende der Behandlung: „Sie können mir vertrauen, ich habe den höchsten Abschluss in Moskau gemacht.“) und besorgten uns eine Gasflasche plus Adapter (klingt nebensächlich, doch die gesamte Gassuchaktion nahm mehrere Tage in Anspruch). Während dieser Zeit machten wir nette Bekanntschaften mit Einheimischen, wurden von einem Georgier namens Armin zum Tee eingeladen und bekamen von unserer neuen Freundin Rosa Kaffee und Schokolade zum Bus gebracht. Die Verständigung klappte dank Google Translate (Deutsch <> Russisch) ganz gut, auch wenn bei der Übersetzung manchmal sehr wilde Sachen rauskamen. 

Unser erstes Natur-Highlight in Georgien war eine lustige und holprige Fahrt über den Goderdzi Pass, der Batumi mit Akhaltsikhe verbindet. Für die 60 Kilometer lange Strecke benötigten wir 6 Stunden, ich glaube das sagt alles. Zum Glück gab es unterwegs kleine Holzhütten, die unter anderem Tklapi als Wegeproviant verkauften (das ist „Fruchtleder“ aus Tkemali-Pflaumen und erinnert an lappenförmiges Fruchtgummi). Auf der Passhöhe von 2.025 Metern wehte ein erfrischender, kühler Wind und wir zelebrierten das herzhafte Essen im Restaurant „Edelweiss“, zu dem wir nach einem herzlichen Gespräch mit Givi (ein junger Mann aus Tiflis, der uns viele tolle Tipps gegeben hat) sogar eingeladen worden sind. Wahnsinn, wie lieb ist das denn?! Wir sind von der Gastfreundschaft der Georgier einfach nur überwältigt! Am nächsten Morgen bekamen wir noch Besuch von zwei Dorfjungen, die interessiert in unseren Bus reinguckten. Marcos Mess-Schieber lag gerade rum und er zeigte den beiden am Beispiel einer Haarsträhne dessen Funktion, was für allgemeine Erheiterung sorgte. Es sind oftmals die kleinen Dinge, die unseren Alltag am meisten bereichern.

Die Fahrt ging weiter nach Abastumani, einem Kurort mit warmer Thermalquelle und Bergobservatorium, der uns von Givi empfohlen worden ist. Dort trafen wir auf Georgi und Georgi (ungefähr ein Drittel der männlichen Georgier trägt diesen Namen), mit denen wir im Ortskern ein bisschen quatschten. Abends besuchten wir das Thermalbad und morgens machten wir uns mit einem frischen Brot auf den Weg nach Sairme. Dieser führte uns erneut über eine Pass-Straße. Diesmal ging es noch höher hinaus und wir überquerten mit 2.182 Metern Höhe den Zekari Pass im kleinen Kaukasus. Unterwegs erhielten wir beim Pausemachen neben einer Berghütte prompt die Einladung zu Kaffee und Käsebrot von der dort im Sommer lebenden Familie. Der frisch hergestellte Sulguni-Käse war ein Delikatesse. Bei der Weiterfahrt durch die Berglandschaft konnten wir am Straßenrand einen kurzen Blick auf einen Bärenhintern erhaschen (der dazugehörige Bär verschwand ziemlich schnell im Gebüsch). Was für ein schöner Tag.

Die Woche neigte sich dem Ende und die nächsten Arbeitstage standen an. Wir richteten für Marco am Tkubuli Reservoir unter einem schattenspendenden Baum ein Outdoor-Office ein. Seine neuen Arbeitskollegen: Eine Herde Kühe, die uns jeden Tag zur gleichen Zeit unter dem Bäumchen Gesellschaft leisteten. Der See war leider nicht zum Baden geeignet (wirklich schade angesichts der heißen Temperaturen), aber wir hatten viel Spaß beim Beobachten von Kröten, Schweinen, Hunden und Pferden. Ansonsten war es angenehm ruhig, nur die Kuhrufe am Morgen erinnerten an Dinosauriergebrüll. Am zweiten Arbeitstag bekamen wir Stellplatz-Nachbarn. Wolfgang und Brigitta waren die ersten deutschen Overlander, die uns in Georgien begegneten und es war toll sich ein wenig auszutauschen (noch dazu bei leckerer, kalter Wassermelone). 

Wie beeinflusst Marcos Arbeit eigentlich unsere Reise? Anfangs mussten wir noch relativ viel Zeit investieren, um wöchentlich am Sonntag einen geeigneten Arbeitsplatz für Montag und Dienstag zu finden. Manchmal ging der halbe (oder ganze) Sonntag dafür drauf, doch mittlerweile sind wir ganz gut eingespielt und wissen worauf es uns ankommt. In Georgien kam dann eine neue Situation auf uns zu: Eine Arbeitskollegin aus Berlin wollte nach Tiflis fliegen, um Freunde zu besuchen. Das war auf der einen Seite eine gute Möglichkeit zum persönlichen Kennenlernen – schließlich hat Marco den Job angenommen als wir schon auf der Reise waren, somit kannte er die Gesichter seiner Kollegen bis dato nur über Videocalls. Auf der anderen Seite hatte ein Treffen in Tiflis auch praktische Gründe, denn Marco benötigte von seinem Arbeitgeber einen Laptop (sein privater Rechner fiel in Batumi leider einem Regenschauer zum Opfer). Also planten wir zur gleichen Zeit wie Marcos Arbeitskollegin in Tiflis zu sein. Für schnelle Autos wäre die Strecke kein Problem und innerhalb weniger Stunden zu meistern. Bei unserem lahmen Tempo bedeutete es aber immerhin, dass wir zwei bis drei volle Fahrtage einberechnen mussten. So düsten wir für das Treffen mal eben schnell durch halb Georgien. Nichts hielt uns auf, noch nicht einmal eine wilde Flussdurchfahrt, für die ich bis zu den Unterschenkeln ins Wasser gestampft bin. Kurz vor Tiflis legten wir in Mzcheta eine notwendige Übernachtung ein (ja, manchmal sind Fahrtage stressig, anstrengend und ermüdend). Bei der Platzsuche gerieten wir in Streit (ja, auch das gehört zum Busleben dazu) und entschieden uns schließlich für einen Bezahlparkplatz im Ortszentrum. Die gute Nachricht: Der Parkplatz hatte eine Grube und somit konnte Marco bequem den Fahrzeug-Service machen, während ich unseren neu erworbenen Liegestuhl einweihte. An einem Süßigkeitenstand vor der Swetizchoweli-Kathedrale probierten wir zum ersten Mal die leckeren Churchkhela: Das sind mit angedicktem Traubensaft überzogene Walnüsse-Trockenobst-Ketten. Der Verkäufer war so lieb und hat uns nebenan einen Blick in seine Küche werfen lassen, wo ich eine der Ketten selbst eintauchen durfte.

Endlich hatten wir nach mehrtägigem Fahrstress unser Ziel – die Hauptstadt Georgiens – erreicht und gönnten uns im Tiflis-See ein erfrischendes Bad. Eine Verabredung mit der Mutter eines georgischen Freundes aus Deutschland stand für die kommende Woche in Tiflis auch schon fest. Da ereilten uns gleich mehrere schlechte Nachrichten: 1) Die Arbeitskollegin musste ihren Flug stornieren, weil ihr Kumpel an Covid-19 erkrankt ist. 2) Georgien wurde zum Hochinzidenzgebiet erklärt. 3) Die Corona-Zahlen insbesondere in Tiflis sind in den vergangenen Tagen extrem in die Höhe geschossen. Mit diesen Nachrichten wurden wir unsanft in die Realität katapultiert. Bisher konnten wir der Pandemie auf der Reise geschickt aus dem Weg gehen, verbringen wir doch die meiste Zeit in unseren rollenden vier Wänden unter freiem Himmel. Nun zwangen uns die Umstände eine Planänderung auf: Leider doch keine Treffen in Tiflis. Weg aus der Stadt, wieder rein in die Natur. Zumindest solange wir noch keinen vollständigen Impfschutz hatten. Die Verabredung mit der Mutter meines Kumpels konnten wir glücklicherweise zu ihrem Garten außerorts verlegen und es entwickelte sich ein richtig schöner Nachmittag daraus (vielen Dank für das leckere Essen!). Ja, auch das ist Reisen. Immer flexibel bleiben. Nicht darüber ärgern, wenn Pläne nicht klappen. Stattdessen dankbar sein für das, was sich aus der neuen Situation ergibt. Denn eines ist sicher: Irgendwas passiert immer!

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