Eins, zwei, Türkei.

Wir stehen am Mittwoch den 24.06.2021 an der Grenze zur Türkei. Vor so ziemlich genau einem Jahr haben wir Deutschland verlassen und sind über Schweiz, Italien, Slowenien, Ungarn, Serbien und Bulgarien nach Griechenland gefahren. Da wir von diesen 12 Monaten allein 8 Monate in Griechenland gelebt haben, ist es für uns in diesem Moment noch kaum vorstellbar, dass wir die Türkei innerhalb von 2-3 Wochen „mal eben schnell“ durchqueren werden, um die heißen Sommermonate in Georgien zu verbringen.

Was uns in der Türkei zuallererst auffiel, sind die nett hupenden Autofahrer. Es gibt das freundliche Hupen, um auf sich aufmerksam zu machen (beispielsweise bei einem Überholmanöver, wahlweise von rechts oder von links). Es gibt das freudige Hupen, um jemanden zu grüßen (meist ein Doppelhuper, der von dem anderen ebenfalls durch Doppelhupen beantwortet wird). Es gibt sogar das überschwängliche Hupen, aus dem Autofenster winkend und zum anderen Auto rüber rufend, dabei manchmal sogar aus dem Fenster lehnend (um sicherzugehen, dass der andere die Begrüßung mit Sicherheit mitbekommt). Nur ein einziges Mal wurden wir Zeuge vom bösen Hupen (in Deutschland wohlbekannt), das sogar uns galt, weil wir an einer Kreuzung verbotenerweise einen U-Turn machten, woraufhin gefühlt alle Autos an dieser Kreuzung ein Hupkonzert gegen uns eröffneten. Okay, vielleicht sogar zurecht. Unser erster Halt war ein Migros Supermarkt (den es übrigens auch in der Schweiz gibt). Direkt daneben besorgten wir uns in einem Vodafone Shop eine türkische SIM Karte, hebten Geld ab und kauften uns an einem Straßenstand von unseren ersten türkischen Lira ein extrem leckeres türkisches Eis. Ernsthaft, dieses Eis war so lecker, dass ich immer noch sehnsüchtig daran zurückdenke. Die Abkühlung vom Eis hielt leider nur kurz an (nicht so die schwülen Temperaturen, mit denen wir seit ein paar Tagen zu kämpfen hatten) und wir suchten uns ein schattiges Plätzchen in einem Waldstück zum Übernachten. Relativ zügig ging es am nächsten Tag weiter Richtung Istanbul. Ein Minibusfahrer überholte uns im Schneckentempo wild gestikulierend und blieb ein paar Hundert Meter weiter auf dem Standstreifen stehen. Vom ADAC, Auswärtigen Amt und Co. bekommt man ja ständig eingetrichtert, dass man im Straßenverkehr vor Trickbetrügern auf der Hut sein sollte, die dir Probleme an deinem Auto vorgaukeln, um dich dadurch abzulenken und ausrauben zu können. Mit dieser Warnung im Hinterkopf, aber auch weil ich seine Handzeichen nicht verstand, fuhr ich an ihm vorbei. An der nächsten Raststätte hielten wir für einen prüfenden Blick an, konnten jedoch nichts Auffälliges feststellen. Wir bekamen langsam Hunger und Marco lotste uns zu einem Restaurant, das ein echtes Flugzeug im angrenzenden Garten abgestellt hat. Noch vor dem Essen hatten wir sehr viel Spaß beim Besichtigen der „Köfte Airlines“. 

Ein ordentlicher Weltuntergangsschauer kühlte unseren Fahrtag ein wenig ab. Beim nächsten Tankstop nutzten wir die Möglichkeit, um auch unseren Reifendruck zu checken. Das war längst überfällig und als ich am Steuer darauf wartete, dass Marco vom Bezahlen zurückkam, machte mich ein netter Motorradfahrer auf den „low pressure“ unseres Vorderreifens aufmerksam. Da bei der Bezahlung etwas mit Marcos Karte nicht klappte, ging ich nochmal rein und bekam an der Kasse direkt Hilfe von einem wartenden Kunden. So viele zuvorkommende Menschen, wow. Am Luftdruckgerät stellte Marco schließlich fest, dass eines der Ventile an unseren hinteren Zwillingsreifen undicht war. Ach was, wollte uns das vielleicht der Minibusfahrer vorhin auf der Straße mitteilen?! Ich bekam direkt ein schlechtes Gewissen so misstrauisch gewesen zu sein. Unser zweiter Tag in der Türkei und wir sind schon auf so viele nette Menschen getroffen – wird Zeit auch die letzten Vorurteile abzulegen. Das Problem mit den Reifen konnten wir dann innerhalb von zwei Stunden bei einem 15 Kilometer entfernten Reifendienst beheben lassen. Die neuen Ventile hatten wir bereits dabei, nur den Wechsel hatten wir bis dahin noch vor uns hergeschoben. Schön, dass uns das Universum an diesem Tag einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben hat. Oder war es vielleicht eher ein freundliches Hupen?

Noch vor den Abendstunden erreichten wir Istanbul und ich war zum ersten Mal auf der Reise geflasht von der Skyline. Schon ein ziemlich berauschendes Gefühl, mit dem eigenen Fahrzeug in eine so große Stadt reinzufahren. Um dem Großstadtverkehr nicht länger als nötig ausgesetzt zu sein, steuerten wir auf direktem Weg einen Bezahlparkplatz an, den wir uns zuvor bereits rausgesucht hatten. Dank der günstigen Parkplatzgebühren wurde dieser Ort mitten in Istanbul für die kommende Woche unser Zuhause. Wir gewöhnten uns schnell an den Straßenlärm von gegenüber, an das Surren vom Stromgenenerator der Baustelle nebenan und an die Gebetsrufe der benachbarten Moschee um 4 Uhr nachts. Mit Ventilator im Dauerbetrieb war auch die Hitze einigermaßen auszuhalten. Die erste Runde durch die Stadtteile Galata (Fischwraps) und Besiktas (Biermeile) drehten wir mit den Fahrrädern bis ein platter Reifen uns einen Strich durch die Rechnung machte. Am Sonntag nutzten wir die Gunst der Stunde und machten mit Waldrian dann doch eine Stadtrundfahrt. Ein bisschen unfair war das schon, denn aufgrund der Corona Maßnahmen in der Türkei gab es zu dem Zeitpunkt sonntags für die Einheimischen eine Ausgangssperre – von der Touristen jedoch befreit waren. Da wir ohne vollständigen Impfschutz die öffentlichen Verkehrsmittel nicht benutzen wollten, betrachteten wir es als einmalige Chance, die Straßen Istanbuls bei geringem Verkehrsaufkommen befahren zu können. So fuhren wir in Eigenregie nach Ortaköy (Touri-Ecke), überquerten aufgrund einer falsch genommenen Ausfahrt gleich dreimal hintereinander die Bosporus Brücke (und reisten somit fröhlich zwischen Europa und Asien umher), erklommen den Camilca-Hügel auf der asiatischen Seite, verspeisten in Kadiköy (Studentenviertel) ein Dürüm, versuchten vergeblich auf die europäische Seite zurückzukommen (der Tunnel war für unsere Fahrzeughöhe zu niedrig und die Fähre fuhr nicht) und rollten schließlich mit größerem Umweg ein viertes Mal über die Bosporus-Brücke auf unseren Parkplatz „nach Hause“. 

Den Montag und Dienstag verbrachten wir im Coworking-Space CoBAC (dort war so wenig los, wir hatten eine Etage für uns alleine). Nach seinen Arbeitstagen konnte ich Marco überreden, doch noch einen Touri-Spaziergang auf dem Goldenen Horn mit mir zu machen, wo wir auf dem Großen Bazaar gleich mehreren Teppichverkäufern in die Fänge kamen (aber keinen Teppich kauften), die Hagia Sofia anschauten (ich von außen, Marco von innen), an die Türen der Zisterne klopften (leider hatte der versunkene Palast aufgrund von Corona geschlossen) und in einem Souvenirladen tatsächlich eine Lampe erwarben.

Anfang Juli verließen wir Istanbul. Es folgten ein paar Fahrtage, da wir Strecke machen wollten, um zeitnah Georgien zu erreichen. Meine Motivation war es, der Hitze zu entkommen. Marco hingegen hatte Sorge, dass die Landesgrenzen wieder schließen könnten. Der Weg führte hunderte Kilometer am Schwarzen Meer entlang. Besonders gefallen hat uns die Grillkultur der Türken. Häufig sahen wir große Wiesen mit schattigen Plätzen unter Bäumen, wo die Einheimischen sich versammelten, um BBQ zu machen. Manchmal mit selbst mitgebrachten Grills und Picknickdecken, oftmals gab es aber sogar überall auf der Wiese verteilt Tische, Bänke, kleine Pavillons und feste Steingrills. Mein tierisches Highlight war eine Bande kleiner Hundewelpen, die auf einem unserer Übernachtungsplätze unter einem Baumstammstapel zum Vorschein kamen. 

Marcos Arbeitstage verbrachten wir in Samsun und dann ging es auch schon weiter nach Trabzon, wo wir unseren PCR-Test für den Grenzübergang machten. Am Ende sind wir tatsächlich innerhalb von zwei Wochen durch die Türkei gedüst. Kurz vor Georgien hauten wir unsere letzten türkischen Lira in einem Minimarkt auf den Kopf und verließen die Türkei mit dem Gefühl, dass wir dieses wundervolle Land auf unserer Reise bestimmt noch ein weiteres Mal besuchen werden.

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